Jürgen Wellenkamp

( ⋆15.10.1930 † 29.07.1956 )

 

Nachruf von Heinz Steinmetz

So viele Sterne hatte dieser Himmel

Erinnerungen an Jürgen Wellenkamp

Bei mir ist es das Gefühl grenzenloser Einsamkeit hier zwischen Erde und All, der Einsamkeit, die die beiden Gestalten dort, die Kameraden, vielleicht gar die Freunde, nie von mir nehmen können." 

Jürgen Wellenkamp in seinem Tagebuch am Gipfel der Annapurna IV.

Warum?

Wir lagen irgenwo am Comer See, zerschlagen und elend, und starrten schweigend in den Himmel hinauf. So viele Sterne hatte dieser Himmel -. "Vater im Himmel" hatte Jürgen immer wieder gesagt, wenn die Bewußtlosigkeit für Augenblicke von ihm gewichen war. "Vater im Himmel hält Wacht." Diese Worte des alten Volksliedes hatte er oft zur Gitarre gesungen.

Jürgen! - Warum?

Noch schmerzt die Schulter vom langen Weg vom Hospital zum Friedhof von Morbegno, zu dem wir ihn, eine Handvoll Freunde, getragen hatten. Die Berge daheim - Peru - Himalaya - so viele Wege waren das, die wir zusammen gegangen sind. Und nun noch dieser letzte gemeinsame Weg, zu dem uns ein dumpfes Gefühl aus Zermatt hergerufen hatte.

Am 22.Juli 1956 stürzte Jürgen beim Abstieg von der Zocca-Kante im südlichen Bergell im Gehgelände, fiel über einen Seilabsturz in ein Schneefeld und wurde gegen einen Felsbrocken im Kar geschleudert, wo er einen Schädelbasisbruch erlitt. Sein Begleiter Werner Krah sorgte für seinen Abtransport.

Als wir, von den Freunden gerufen, in Morbegno ankamen, schlief Jurgen tief, aber sein Jungengesicht, zerschunden und fleckig, gab uns dennoch Hoffnung. Der Arzt stärkte unsere Zuversicht. Nach zwei Tagen fuhren wir weiter nach Zermatt und hofften, auf dem Rückweg einen genesenden Jürgen zu finden. Wir stiegen auf das Matterhorn und einer dumpfen Ahnung folgend flüchteten wir zurück nach Morbegno.

Jürgen war tot.

Ein kurzes, inhaltvolles Leben war zu Ende gegangen. 26 Jahre war Jürgen alt geworden. Es ist müßig, über das Schicksal zu grübeln und über Zufälligkeiten zu berichten, die zu diesem Sturz geführt haben, aus dessen Dunkel er nicht mehr ins Leben zurückkehren durfte. Ihn, der Schwerstes unternommen hatte, ereilte das Schicksal an einem verhältnismäßig leichten Weg beim Abstieg vom Piz Zocca. Jürgen Wellenkamp kam aus Bad Reichenhall. Schon als Junge war er im heimischen Gebirge unterwegs, die Jungmannschaft der Sektion Berchtesgaden war sein Kreis. Schwierigste Klettertouren, rasantes Skifahren, Alleingänge - manche immer wieder -, gemütliche Abende unter Freunden auf der Hütte, das war seine Welt.

... der dennoch ein Einsamer blieb

Nach dem Abitur im Sommer 1948 beginnt er das Studium der Mathematik in Münster. Arbeitseinsatz, der nichts mit Mathematik zu tun hat, ermöglicht es, das Leben zu fristen. Schon ein Jahr später wird er Privatassistent bei seinem Professor und erhält ein Stipendium der Studienstiftung des Deutschen Volkes, einen Vorzug, den nur die Besten erreichen konnten. Im Herbst 1951 wechselt er nach München, wo er 1952 die Diplomvorprüfung besteht. Jürgen war immer ein Einsamer. Alles hat Jürgen sich alleine erkämpft. Schon damals ein Einsamer, der Freunde, Weggefährten, Saufkumpane und den liebenden Arm der Frauen suchte, fand und bis zum Letzten genoß, und der dennoch ein Einsamer blieb.

Nach wie vor hat er Freude an den altbekannten heimischen Routen, die er nicht müde wird, immer wieder zu gehen, mit den alten Freunden und neu hinzugewonnenen. Die Touren werden immer schwieriger, Winterbegehungen, Nachtbegehungen, die Watzmann-Ostwand wer weiß wie oft, Erstbegehungen im Watzmann-Massiv und an der Hoch-säul-Südwand kommen dazu. Sein Bergerleben wird noch farbiger. Neue große Klettertouren lernt er kennen, neue Freunde kreuzen seinen Weg. Schwer nimmt ihn der Tod eines Freundes mit, der nach beendeter Klettertour über eine Wächte in die Tiefe stürzt. Ahnte er damals schon sein eigenes Schicksal? Große Touren im Montblanc-Gebiet, im Kaiser, im Karwendel, in der Bernina geht Jürgen in dieser Zeit, in der er auch zum AAVM stößt. Er wird dort rasch heimisch und prägt diesen wesentlich mit. Die Eiger-Nordwand durchsteigt er mit Karl Blach, einem Wiener Bergsteiger, den er am Wandfuß kennenlernt, als der, ebenso wie Jürgen, enttäuscht herumstiefelt, weil jedem der Gefährte ausgefallen war. Kurz entschlossen binden sie sich zusammen und durchsteigen die Wand in kürzester Zeit.

Tat alles intensiv

Jürgen sah eine Aufgabe, erkannte worum es ging, schuf die Voraussetzungen zur Lösung und löste sie - wenn er scheiterte, arbeitete er weiter an den Voraussetzungen. Er begann sich intensiv für Literatur und Philosophie zu interessieren, wie er überhaupt alles intensiv tat, er lernte Sprachen, was ihm, dem Hochbegabten, leichtfiel. Ein kleiner Anstoß konnte ihm den Weg weisen: Als in Peru lebende Deutsche nach bayerischen Volksliedern fragten und Jürgen keine kannte, lernte er Gitarre und kaufte sich ein Liederbüchl. Durch Nepal zog er neun Monate mit der Gitarre. Als beim Aufbruch nach Peru in die Anden die Kenntnis der spanischen Sprache wünschenswert erschien, lernte er anhand einer Grammatik und der spanischen Ausgabe von "Anna Karenina" Spanisch - dies aber erst von Venezuela bis Lima, denn vorher lernte er Italienisch. Dies in der Enge des Zwischendecks auf einem Auswandererschiff unter 1000 Italienern. Giorgio nannten die ihren neugewonnenen Freund, dessen Spitzname dies blieb. Daß er in Nepal mit Kulis und Sherpas und Tibetern keine Verständigungsprobleme hatte, lag auf der Hand.

Zweimal fuhr Jürgen zu den großen Bergen der Welt. 1953 nach Peru in die Cordillera Vilcanota und 1955 nach Nepal in den Annapurna-Himal. Beide Expeditionen waren außerordentlich erfolgreich, Jürgen war ein wesentlicher Garant der Erfolge. Jürgen erstieg folgende Gipfel zum ersten Mal:

In der Cordillera Vilcanota:

Campa I (5400 m) allein, Surimani (5450 m) allein,

Ausangate (6384 m) mit Harrer und März, Huayna

Ausangate (5700 m) mit Steinmetz,

Colque Cruz (6111 m) mit März und Steinmetz,

Cayangate (6010 m) mit März und Steinmetz,

Campa II (5550 m) mit Steinmetz.

Im Nepal-Himalaya:

Annapurna IV (7524 m) mit Biller und Steinmetz,

Pisang Peak (6113 m) mit Sherpa Da Tem-ba,

Naur Hörn (5500 m) mit Lobbichler und Steinmetz,

Kang Guru (7009 m) mit Lobbichler und Steinmetz,

Dam Kang (6200 m) allein, Yulo Kang (6400 m) mit Lobbichler und Steinmetz,

Westl. Lam-jung-Spitze (6200 m) mit Steinmetz.

Schwierige Freundschaft

Jürgen Wellenkamp war schwierig. Der Begriff Freundschaft war für ihn ein hohes Kriterium. Sein Freund zu sein, war schwer, dazu gehörten mitunter Prügel und Tränen. Jürgen war hart, manchmal tat seine Härte weh. Aber er war übersensibel und empfindsam und auch, welcher Widerspruch, sanft und weich. Unter einem unrechten Wort konnte er entsetzlich leiden. Ganz selten konnte man es erleben. Sich selber gestand er es wohl nicht ein. Vielleicht zeigte er es seiner Inge, die für ihn alles zugleich war, Freundin, Kumpel, Geliebte, Göttin, Mutter, Schwester und wieder Geliebte. Jürgen Wellenkamp mußte ertragen werden. Aber wer ihn ertrug, war reich belohnt. Ach Jürgen, in Pokhara troff uns das Blut aus den Gesichtern, ehe wir auf unseren letzten Sechstausender stiegen.

In sein Grab haben wir den Pickel von der Annapurna gerammt.