Nachruf auf einen vertrauten Felspfeiler

von Jürgen Wellenkamp

Vor einigen Monaten stand in unserer Zeitung etwa folgendes: "An einer unzugänglichen Stelle der Blaueisspitze im Hochkalter-Gebiet haben sich große Felsmassen gelöst und sind gegen das Wimbachtal abgestürzt."
An einer unzugänglichen Stelle - ich las es und dachte nicht mehr daran. Ein paar Wochen später brechen wir an einem strahlenden Morgen von der Blaueishütte auf. "Was macht's denn heute?" fragt der Hüttenwart, der Raphael.

"Den Blaueisspitz-Nordgrat." 
"Da ist fei allerhand wegbroch'n am zwoat'n Turm."
"Um Gotteswillen, was denn alles?".
"Der ganze Pfeiler, der sich hingloant hat, die Rinn', die Kant'n, der Kamin. " 

"Und der Spreizschritt?" frage ich angstvoll.
"Naa , der 'Spreizschritt ist gottseidank net owi gfoin."
Sonst geniesse ich immer das schmale, liebe Band, welches sich hoch in den Abstürzen über dem Wimbachtal an den ersten Turm des Grates schmiegt. Doch dieses Mal dränge ich vorwärts. Um die Ecke noch herum, und da sehe ich schon das Veränderte! Der ganze graue Pfeiler ist weggesackt, Rinne, Kante, Kamin. Eine gelbliche, unvernarbte Wunde klafft im zweiten Turm, und alles unterhalb ist weiss bestäubt vom Gesteinsmehl, dem Wundschorf der Berge. Wir sind gewohnt in den Bergen etwas Dauerhaftes zu sehen, etwas, das fast ewig ist im Vergleich zum Leben der Menschen. Und nun klafft da die Wunde - es betrübt uns im Herzen. Es ist ja nicht irgendein Stück Berg, das da hinabgesunken ist, es ist ein Stück Erschliessungsgeschichte, es sind ein paar Seillängen, voll von persönlichen Erinnerungen für viele Bergsteiger." An einer unzugänglichen Stelle - so stand in der Zeitung." Nun, unzugänglich ist ein sehr relativer Begriff, jedenfalls gehört der Blaueisspitz-Nordgrat fast zur Allgemeinbildung der Bergsteiger im Berchtesgadener Land.

Die erste Ersteigung machten von Frerichs und Gefährten in den letzten Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Am zweiten Gratturm wählten sie die steile Kante des Felspfeilers. Der Nordgrat wurde wegen seiner Schönheit; schnell beliebt; da erkletterten dann einmal einige Bergsteiger am zweiten Turm statt der Kante den Kamin, der den Felspfeiler von der Hauptwand trennt. Kamin oder Kante - für die folgenden stand die Wahl frei.

Meine Erinnerung führt mich zurück in das Jahr 1945. Wir hatten keine Schule, es gab keine Staatsordnung, die alten Masstäbe galten nicht mehr; aber im engen Rahmen brachten wir ein wenig System in die durch das Kriegsende erzwungene Haltlosigkeit. Unter der Woche ging ich mit meiner Schwester Beerensammeln , die wir bei Bauern gegen Brot und Kartoffeln vertauschten. Das Wochenende sah uns irgendwo in den Bergen unserer Heimat. Damals, als Vierzehnjährige, kamen mein Freund und ich zum ersten Mal zum Blaueisspitz-Nordgrat. Sehr schwierig stand da im Zeller Führer, wir waren voll Respekt.

Am Pfeiler des zweiten Turms wählten wir dann nicht die ausgesetzte Kante sondern den Kamin. Der Erste hatte schon oberhalb seinen Stand, der zweite war fast oben und schaute noch einmal den glatten Kamin hinunter, der sich weiter unten allmählich wie ein spitzer Keil schloss.

"Da wennst runterfoist, da druckt's di z'amma zu an Dreieck!" "Und d'Fiass erscht, wia die ausschaun.." Die Füsse! Wenn wir überhaupt an eine alpine Kalamität dachten, dann galt ihnen unser erster Gedanke, unsere erste Sorge. Wir kletterten ja immer barfuss, und wenn ein Barfussgeher den Adel der Körperteile zu einer Reihenfolge ordnet, dann kommen zuerst die Füße und lange danach erst der Kopf, oder nein ,wahrscheinlich zuerst noch der Bizeps.

Kann man´s mir verdenken, dass ich gern an diesen Kamin mich erinnere - dass ich um ihn traurig bin? 

Da will mich wer trösten: Sieh doch, sagt er , die eine Seitenwand steht ja noch, der halbe Kamin. Das ist die Schlussweise der Logik, zwei Seitenwände sind ein Kamin, eine Seitenwand ist ein halber. Aber ich brauche ja nur auf die Wunde am zweiten Turm zu schauen, das ist kein halber Kamin, das ist ein Alptraum!

Da sieht man wieder, man soll nicht mit zuviel Logik beschwert in die Berge steigen; sie führt zu Trugschlüssen, oder aber sie entzaubert das Geheimnisvolle und Schöne und macht die Erlebnisse dürr.

Die Kletterei hatte uns begeistert, wir kamen oft und oft wieder.

Zu Mannsbildern wuchsen wir heran und konnten im engen Kamin die Beine nicht mehr so bequem abwinkeln, wir mussten uns durch den Schluf hinaufwürgen und zerkratzten uns die Knie. So querten wir dann in der Folge lieber auf die ausgesetzten Kante hinaus. Wie war die schön! Wenn wir uns nach links beugten, dann schauten wir in den Grund des Wimbachtales mit seinem hellen Schuttstreifen, rechts fiel der Blick ins schöne Blaueis. Sie war steil, die Kante, manchmal senkrecht. An einer Stelle steckte sogar ein ganz alter Haken. Wir hängten da nie ein, wir nahmen ja keinen Karabiner oft auch gar kein Seil mit. Der Haken war mehr eine liebenswürdige Aufforderung. Obacht, sagte er nur ganz leise zu uns, schaut Euch die nächste Stelle gut an; Ihr sollt Euch nicht plagen an den kleinen Griffen und Tritten, Ihr sollt sie geniessen, Ihr sollt das Losgelöstsein auskosten können! Doch wirklich, es war eine schöne Kletterstelle. Und nun ist sie nur noch in der Erinnerung da! Meist geht es ja umgekehrt, und die Dauer der Felsen liegt in einer anderen Grössenordnung als die Dauer des Menschenlebens. Der Stein auf dem Friedhof bleibt nach uns, vielleicht auch ein Mauerhaken, den wir in eine einsame Wand geschlagen haben oder ein Steinmann, den wir in einem vergessenen Kar aufgeschichtet haben.

Doch hier ist ein herrliches Stück Berg hinabgesunken, früher als wir. 

Herrlicher, grauer Pfeiler vom zweiten Turm, ich grüsse Dich aus einer lieben Erinnerung!