Vorderseite des Himalaya

(Erstbesteigung der Westlichen Lamjungspitze - 6200m - 17.10.1955)

Wenn man an klaren Tagen von den Ebenen Indens nach Norden blickt, dann sieht man über den Poon Hill von Südnepal fein und fern die lange gezackte Kette des höchsten Gebirges. Es ist die Vorderseite des Himalaya, dahinter wir Tibet wissen, ein Land für das die Worte "dahinter" und "jenseits" die angemesseneren sind. Vorderseite des Himalaya - es ist erlaubt das zu sagen. Jeder der etwa den Watzmann von Berchtesgaden gesehen hat, oder die Lalidererwände von der Falkenhütte, der weiß um die Berechtigung, eine bestimmte Seite eines Berges oder eines Gebirges vor den anderen auszuzeichnen.

Umgeben von den Kuppen der Foothills liegt am Südfuss der Annapurnakette in einem weiten Talbecken die Stadt Pokhara. Wieviele Einwohner die Stadt hat? Da varierten die Antworten, die wir erhielten, zwischen 5000 und 20 000, solchermaßen die ganze morgenländische Gleichgültigkeit gegen den Begriff der Quantität in sich tragend. Pokhara ist - der Name sagt es dem Wissenden - umgeben von Seen. Auf unsere schwelgerischen Badefreuden im lauen Wasser buntklarer Seen blickte da die Majestät von drei Achttausendern herab. Vom Dhaulagiri links bis zum Manaslu rechts erfüllt die weiße Kette der Berge über Pokhara fast einen Halbkreis des Horizontes.

Anfangs Oktober stiegen wir noch einmal hinauf, die vier Sahibs, zwei Sherpas und eine kleine Zahl rechtschaffender Kulis, die wir zum Teil erst in Pokhara angeworben hatten. Tagelang gingen wir im unteren Madital durch das Grün des reifenden Reises auf den Terassen. Es ist ein lebenstarkes Grün, wohl geeignet, dass aus seiner Kraft die Nahrung für einen halben Kontinent erwächst. Reisterassen zu beiden Seiten des Madiflusses im Talgrund, dessen kalte Wasser ihren Ursprung in den Südgletschern der Annapurnakette verraten. So rücken hier lebensvolle Tropen und eine Kunde aus arktischer Lebensferne auf wenige Meter zusammen.

Anmarsch in Nepal - v.l Jürgen Wellenkamp, Fritz Lobbichler, Harald Biller

 

Jürgen in den Reisfeldern bei Pokhara - Rückmarsch aus Mustang 

Siklis ist der Name des obersten Dorfes im Madital. Eine japanische Expedition hatte hier Schwierigkeiten mit der eigenwilligen Bevölkerung gehabt, zwei Engländer hatten vor einiger Zeit keinen Schritt über das Dorf hinausgehen dürfen. Wie wird es uns gehen? Fritz Lobbichler und ich kamen als erste in das Dorf, das inmitten grüner Terassen gedrängt am steilen Hang klebte. Hunderte misstrauischer Augenpaare. Der erste Eindruck ist alles! Wie gut, dass wir um die brückende Kraft derber Worte nicht nur wussten, sondern dass wir auch genug solcher Worte in Nepali kannten. Derb, laut und möglichst ungezwungen war unsere Sprache. Wir setzten uns vor das Haus des Mukia (Bürgermeisters etwa) und verlangten nach Raksi. Nach einigen Bechern von gemeinsam geleerten Raksi war die Ungezwungenheit wirklich ungezwungen. Völkerverbindende Ausgelassenheit!

Die besten Wünsche der Leute von Siklis begleiteten uns am nächsten Tag hinauf in die Berge. Es ist immer so auf Expeditionen: bevor man überhaupt dazu kommt, um Gipfel zu kämpfen, müssen viele psychologische Siege errungen werden!

Hinter Siklis begegneten uns manche Männer die langsam und gravitätisch schritten. Schreiten mussten, denn jeder trug ein schweres Bündel von langen Bambusstangen, die wohlbalanciert sein wollten. "Tehri tzuga" sagten sie gleich nach dem Salaam. Und Frauen begegneten uns mit gewichtigen Rückenlasten. "Tehri tzuga" sprachen sie gleich nach dem Salaam.

Wir wussten, was uns bevorstand. Der Weg, der bisher eckig und gestuft über die Terassen leitete, tauchte ein in ungerodeten Urwald. Mit Wald hat das nichts mehr zu tun, diese krankhafte Fülle der Vegetation, wo jede Pflanze, jeder Baum schon das Zeichen von Tod und Verwesung trägt,  bevor sie zu ihrer naturbestimmten freien Form finden können. Und da waren die "tzuga", Hunderte, Tausende vom eklen Gezücht der Blutegel. Toll vom Blutrausch dehnten sich suchend die gummihaften Würmer von den Pflanzen über dem Pfad. Kein Gedanken sie loszuwerden, abzureissen von der Haut; für einen kommen drei!

Wir retteten uns, jeder ein heiliger Sebastian, in das Trockenbett des obersten Madiflusses, der bei seinen stossartigen Überschwemmungen hier alles Grüne und alle "tzuga" fortgerissen hat. Am nächsten Tag beim Weiterweg durch den Dschungel hinauf trugen wir trotz der Wärme Bergschuhe und Überhosen, um uns der Blutegel zu erwehren."Balu, Balu!" sagten plötzlich die Kulis. Tatsächlich - da waren frische Bärenspruren. Es wurde ein Tag voll interessantem Reiz. Wir sahen keinen Bären, aber die Möglichkeit, jeden Augenblick einem gegenüberzustehen, ist das nicht fast genau so viel?

Nach oben zu ging der Urwald über in Rhododendron -, Rhododendron-...-ja, was eigentlich? Rhododendrongebüsch? das kann man nicht sagen bei zwölf Meter Höhe. Und Rhododendronwald - das geht nicht, wo die strauchartige Form erhalten bliebt in vielfacher Verästelung vom Boden aufwärts, erhalten bleibt in einer Weise, dass man sich vorkommt wie ein Käfer zwischen Alpenrosen. Nein, das eigene verdient einen eigenen Namen, sagen wir also "hohe Rhododendren". Dort einmal hinaufgehen im Frühling, ein Rausch wäre es unter solchen Bergen und zwischen Millionen von goldgelben und glühroten Kelchen.

Oben die Matten zwischen Rhododendren und den Gletschern waren schon gelbbraun verfärbt von Herbst und Frost. Seit ein paar Wochen schon war von den vielen Almen abgetrieben, nur die Plattformen von ebenen Steinen und die schwarzen Feuerstellen erzählten vom lebensvollen Treiben des Sommers. Die Hütten selbst - jetzt nur ein paar zusammengerollte Bambusmatten von Wand und Dach und ein paar Bambusstangen vom Balkenwerk - warteten geborgen unter den schützenden Überhängen verstreut liegender Blöcke einem neuen Sommer entgegen.

Die Plattformen der Almen reichten hinauf bis zu den letzten, obersten Grasflecken vor dem Geröll der Moränen. Himlaya und Weglosigkeit - eine häufige Assoziation, muss man teilweise recht entkräften. Es liegen Steinhaufen oder es wehen die Gebetsfahnen auf den widrigsten Pässen, gut ausgetretene Pfade führen zu den fernsten Gründen und zum letzten Grün. Wo immer das Land sich zur wirtschaftlichen Nutzung anbietet, da führt auch ein Pfad hin.

Auf der obersten Plattform einer für den Winterschlaf bereiteten Alm standen unsere Zelte. Das Wetter war schlechter, als die Jahreszeit es anständigerweise zulassen sollte. 1955 dehnte sich der Monsun ungebührlich aus in den Herbst; nur wenige Stunden war es des Morgens klar, dann pflegte der Nebel einzufallen, dem sich in den Höhen der Berge Sturm und Schneetreiben beigesellten.

Heinz Steinmetz, Harald Biller und ich stiegen mit zwei jungen Kulis weiter nach oben. Bergsteigerisch ist dieser Teil der Annapurnakette zwischen Annapurna II im Westen und dem Namunpass im Osten vollkommen unerforscht. Tapfer folgten die beiden Kulis in den unteren Gletscher, sie waren gescheit genug um die große Gefahr riesiger Lawinenkegel an unserer Trasse richtig zu deuten. Erst als steiles blaues Eis gute Steigeisen und gute Technik erforderte, schickten wir sie zurück und stiegen, Packeseln gleich ob der vermehrten last, allein weiter. Wir wären gern länger gestiegen, doch wegen Nebel und Sturm mussten wir mittags schon zu dritt in die Enge des Zweimannzeltes. Da hatte ich 18 Stunden Zeit, darüber nachzudenken, dass ich an diesem Tage ein Vierteljahrhundert vollendet hatte.

Der nächste Tag: Ohne Frühstück brachen wir auf, die wenigen Stunden der Sichtigkeit wollten genutzt sein. Im letzten Gletscherbecken erreichte uns die Sonne, und wir ließen etwas Wärme in uns einströmen, bevor wir weiter schauten.

Ende der Welt - aus, finish, zuadraaht - so schien es.

Vereiste Granitwände und irre Eiskehlen über uns. Doch fand sich zur Rechten dann schließlich noch eine steile Rinne, oben in einen noch steileren Eishang übergehend. Sturm und Nebel, die mit Pünktlichkeit um elf Uhr vormittags gekommen waren, fassten uns mitten im steilsten Hang. Dennoch hinauf! Unter senkrechtem Granit endete der steile Hang. Mit Eispickeln und Töpfen schnitten wir die oberste Zunge weg und stellten auf den kleinen ebenen Platz inmitten all der Abschüssigkeit das Zelt. Ein Adlerhorst in 5800 Meter Höhe. Zum Schaufeln waren die Töpfe recht, zum Kochen benutzten wir sie nicht. Eisige Hände, kein Platz zerrender Sturm, ein streikender Kocher - wir dursteten.

Ein klarer aber kalter und stürmischer Morgen machten einer Nacht von Schneesturm und Menschenfeindlichkeit ein Ende. Es gelang mir, Tee zu kochen, doch wir waren froh, ihn schneller, als wir ihn genossen hatten, wieder loszuwerden: der geschmolzene Schnee war - ich hatte es nicht bemerkt - vollgesogen von verschüttetem Petroleum.

Doch der Morgen war begeisternd in seiner Klarheit. Und das galt! Dass wir noch einmal den Hauptgrat der Annapurnakette erreichen durften, hinüberschauen zu den Bergen an der Grenze nach Tibet und hinunter auf das Gebiet von Manangbhot. Wie viele Erinnerungen aus vergangenen Monaten verbanden uns doch mit diesem Stück Erde. Und das galt, dass wir über den tollkühnen Grat von Schnee und Abrund und Unsicherheit uns hinaufkämfen konnten auf den schmalen Gipfel. 6200 Meter Höhe ist diese Lamjungspitze hoch, kein Gipfel erster Ordnung bei der Nähe der vielen höheren. Doch das Erlebnis ist so tief, wie die Entbehrungen groß gewesen sind!

Nach einer zweiten Nacht im Adlerhorst, wo der Sturm noch zerrender und Durst noch brennender war, folgte ein langer Abstieg, bedroht von Steilheit, bedroht von Spalten und Lawinen aus den Seitenhängen. Das erste Wasser! Es reichte nicht, um den Durst von vier Tagen zu stillen, fünfmal, sechsmal musste man sich vollsaugen an Rinnsalen und Quellen, bevor man anders denken konnte.

Im obersten Lager umhegten uns die Kulis mit ihrer Fürsorge: Warmes Essen, viel, ganz viel Tee, behaglich und geräumige Zelte.

Eigentümlich gelb ist das Licht dieses Abends, die Wolken über uns sind auseinandergerissen, nur unter uns quellen sie aus dem Dschungel des letzen Tales. Morgen werden wir den langen Abstieg beginnen hinaus nach Pokhara, das wir dort inmitten dämmerdunkler Hügel erahnen. Dort unten wissen wir die holperige Wiese, wo das Flugzeug, wenn das Wetter es nicht hindert, dreimal in der Woche fortfliegt zu den grösseren und großen Städten. Da unten beginnt die Welt, unsere eigentliche Welt, von der wir einen glücklichen Sommer lang Urlaub genommen haben. Und in das Gefühl von aufkeimender Wiedersehensfreude mischte sich herbes Abschiedsweh.

 

von Jürgen Wellenkamp