An Bord der Asia, vor Port Said, 3.April 55

Liebe Familie,

Bei wunderbarem warmen, aber noch nicht zu heissem Wetter fahren wir nach Südosten. Das Schiff ist ein Traum im Gegensatz zu denen, die wir auf der Amerikafahrt benutzten. Wir haben gegenüber dem Fahrplan etwas Vorsprung, so liess der Kapitän, der kein überkorrekter Preusse ist, sondern ein echter Italiener mit der ganzen beneidenswerten Gabe zum Improvisieren, die diesem Volk eigen ist, das Schiff gestern statt wie üblich südlich diesmal nördlich an Candia (Kreta) vorbeifahren, mehr noch, er liess die schönen weiten Buchten ausfahren und legte sogar um vorgelagerte Inseln manchen Achter. So still und friedlich lag die Insel mit ihren zum Teil noch schneebedeckten Bergen, mit ihren grünen, kleinen, terrassenförmig übereinanderliegenden Feldern und den oft recht imponierend aufragenden Felsküsten vor unseren Augen, als hätte es nie diesen mörderischen Kampf im letzten Krieg gegeben, als sei hier nicht ein ganzes Bataillon Reichenhaller Gebirgsjäger im Kampf ertrunken. Abends steht der zunehmende Mond hoch über dem bewegten Meer, das in seiner Unbegrenztheit ein Ozean sein könnte.
Ganz schwach sahen wir gestern auch im Norden den Peleponnes, ohne es extra zu wollen fing einen der Zauber dieser Landschaft ein mit ihrer grossen Vergangen­heit, immer wieder musste man den Mut der griechischen und kretischen Seeleute bewundern, die auf diesen Meeren heimisch waren, die nach Kreta fuhren oder nach Rhodos oder gar nach Sizilien. Sizilien - wie war die Durchfahrt bei Messina schön, Heggio di Calabria, die Stadt mit den weissen Häusern, die Berge zu beiden Seiten, und plötzlich wie ein Traum über all den kahlen Bergen hoch wie eine Wolke der ebenmässige Ätna, der noch lange in unserem Rücken grüsste als alle untergeordneten Trabanten schon unter den Horizont gesunken waren.
Dieses "unter den Horizont sinken", ein einfaches geometrisch-optisches Gesetz aus der Kugelform unseres Planeten sich ergebend, immer wieder erfüllt es einen mit Staunen: Ein fernes Schiff - das ist zuerst nur eine Rauchwolke, dann Mast­spitzen, die voneinander getrennt in gleichem Abstand daherziehen, ein Schornstein gesellt sich beim Näherkommen dazu, schliesslich der oberste Teil des Rumpfes, sodass das Schiff dann aussieht, wie ein schwer überlasteter Kohlenschlepper.
Heute Abend werden wir in dem zu Ägypten gehörenden Port Said ausgehen, morgen dann der Suezkanal, das Rote Meer mit seiner berüchtigt unbarmherzigen Hitze.
Es ist uns noch nicht gelungen, unser Pier, das versehentlich mit beim grossen Gepäck im Laderaum ist, herzuschaffen. Wir müssen einen entscheidenden Vorstoss zur Schiffsleitung nun wagen, es wird nachgerade eine Lebensfrage angesichts der Äquatorsonne.
Unser Stammplatz am Schiff ist tagsüber der Bug, an dem wir seltsamerweise ganz allein sind. Vielleicht ist es dort den anderen zu windig. Seis wie es sei, wir liegen oder sitzen dort auf den Luftmatratzen, schauen übers das blaue Meer, zu den Möwen, lesen oder singen. Fein dass wir die Gitarre dabei haben.
Nach den Aufregungen der letzten Wochen vor der Abreise, ist das alles eine wonnigliche Erholung. Ich gehe zum Bug, also alles Gute!

Euer Jürgen