An Bord der Asia, einen Tag vor Karachi, 10.April 55

Liebe Familie!

Wir schwimmen mitten auf dem Indischen Ozean, nachdem wir die letzten beiden Tage an der Küste von Arabien entlanggefahren sind. Dennoch, man hat, obwohl weit und breit kein Land zu sehen ist, nicht so den Eindruck der Weite wie auf dem Atlantik, allein die Kenntnis um die Nähe des Landes im Norden verbietet solchen Eindruck. Vor drei Tagen landeten wir in Aden, es war für uns das erste Mal, dass wir englisches Hoheitsgebiet betraten. Der Eindruck recht zwiespältig: saubere Hauptstrassen, gepflegte Häuser, dann aber die Nebenstrassen: bettelgierige Buben (Somalineger und semitischer Herkunft), alle Wohlgerüche des Orients…

Vorher das Rote Meer nicht allzu interessant, manchmal sieht man Afrika, manchmal Arabien, allein die Tatsache, dass es vielversprechende Namen mit vielen Assoziationen sind, macht die öden Küsten nicht interessanter.

Das übliche Bordleben treiben wir: gut essen (das einzige Mal, wo wir Pünktlichkeit kennen), viel schlafen, Schwimmen im Salzwasserbassin auf dem Schiff, Bordgolf, Pingpong, Schach (der Lobbichler ist besser als ich und wir liefern uns sehr interessante Partien). Man redet mit diesen und jenen Leuten und mir kommen meine   Sprachkenntnisse sehr zugute, ich spreche Englisch und italienisch und französisch und spanisch, alles muss man können um mit jedem reden zu können. Und es ist immer interessant, die Sorgen, die Probleme und die Hoffnungen der recht zusammen gewürfelten Passagiere zu kennen. Vorgestern waren Heinz und ich in der ersten Klasse von einem Schotten (!) und seiner belgischen Frau eingeladen. Bis drei dauerte es, sie waren von unserem Gitarrespielen und Flöten und Singen angetan, sangen selbst mit, und immer wollten sie Bavarian kind music and yodel etc.

Gestern war wohl der schönste Abend auf dem Schiff. Es fahren nämlich die Jubilee Singers, fünf Negersänger, mit uns, die auf Negro Spirituals spezialisiert sind. Sie sangen herrliche Spirituals, die ich aus Leos Noten schon kannte und viele viele andere. Zwei der Neger sangen auch zur Klavierbegleitung einer Pianistin, die ebenfalls mit uns fährt, Lieder von Hugo Wolf und Arien von Verdi.

Am nächsten Mittwoch ist Bombay da, das faule Leben, in dem alles für einen geregelt wird, in dem man keinerlei Initiative Entfalten muss, ist dann vorbei. Eigentlich freue ich mich auf die Zeit, die dann folgt mit allen ihren Schwierigkeiten, mit der grossen Mitverantwortung, die dann auf einem liegt, wenn mir auch weder ein wenig graust vor dem vielen Gepäck (dreieinhalb Tonnen) die erst auf vielfältige    Art, mit verschiedenen Beförderungsmitteln nach Pokhara kommen müssen, dann anwerben der Träger, die ganzen Schwierigkeiten eines zweieinhalb oder drei Wochen langen Marsches über schwierige Wege bis nach Manangboth. Man wird aufatmen können , wenn wir einmal die Basis am Nordfuss unserer Annapurnakette erreicht haben werden•

Es wird uns doch eine grosse Hilfe sein, wenn der Peter Aufschnaiter die erste Zeit uns geht. Hoffentlich klappt in dieser Hinsicht alles.

Im nächsten Brief werde ich eine andere Adresse wahrscheinlich in Kathmandu angeben. Ich bin ja gespannt, wie sich überhaupt die Postverhältnisse regeln werden.

Mit vielen Grüssen bin ich Euer Jürgen