Bombay, 14.4.55

 

Liebe Familie!

Bitte glaubt in dieser Briefflut, die ich über Euch derzeit ergiesse, dass ich das immer so durchhalten kann. Aber wenn sich gute Gelegenheit bietet…

Und wir haben wirklich im Gegensatz zu düsteren Ahnungen von Zeitnot und vielen Scherereien mit dem Zoll, nun plötzlich Musse und "gute Gelegenheit": Wir kamen gestern früh in Bombay an und waren gestern nachmittags um fünf  mit unserem ganzen Gepäck durch den Zoll durch! ! ! (welch ein Gegensatz zu Lima ! ).

Dass das so gut geklappt hat, ist auf unsere gute Vorarbeit von München aus zurückzuführen, auf das gute Arbeiten und die Initiative des Deutschen Konsulates in Bombay (sie schickten uns einen sehr netten, mit allen Zollwassern gewaschenen indischen Lotsen, Mr. Raind), und auf die gute verlässliche Hiflestellung, die uns die deutsche Botschaft in New Dehli geleistet hat.

Hauptperson war dennoch Mr. Raimond, der uns sofort zu den richtigen Stellen führte, eingebildete Subalterne souverän abwimmelte und den richtigen Beamten zum Mittagessen einlud. Nachmittags, als alles bereits absehbar war und unsere Kisten verplombt wurden, gingen Mr. Raimond, sein girl-friend Miss Jacques, und wir vier noch einmal in die Lounge erster Klasse an Bord der leer gewordenen Asia zu einigen Drinks (ohne CH3Ch2OH). Fritz bedauerte angesichts der zierlichen in einen wunderschönen Sari gekleideten Misss Jacques sehr lebhaft, dass er nicht so gut Englisch kann wie Heinz und ich. Sie ist eine ideale Verbindung indischer Tradition und westlicher  Kultur, ich glaubte vorher nicht, dass so etwas bei indischen Damen möglich sein könnte.

Auf dem deutschen Konsulat wurden wir sehr herzlich willkommen geheissen, der Generalkonsul Herr v. Pochhammer macht ein wenig den Eindruck eines russischen Fürsten aus der Zarenzeit im Aussehen wie im Erweisen einer kräftigen herzlichen Freundlichkeit, die das diplomatische Geschnörkel meidet. Beim Konsul, einem Herrn Röhrcke und seiner Frau sin wir heute mittags eingeladen. Er war mit ihr voriges von Kathmandu nach Pokhara gereist, zu Fuss, ich bin gespannt, welche Einzelheiten er uns noch erzählen kann.

Gestern abends waren wir mit Mr. Raimond in einem Film der einheimischen Produktion in Hindisprache. Die Institution der Konsequenz ist beim indischen Volk anscheinend über modernen Städten, Seelenwanderung (the other self, the soul, the other Ego) in brutaler Realität mit schwankhaften Taxierlebnissen. Aber wenn man alles einbezieht die Denkkategorien des indischen Volkes und die Tradition der religiösen Vorstellungen, dann sin die Filmhersteller nicht mehr und nicht weniger gewissenlos, wenn es ums Geld und die Publikumswerbung geht, als unsere oder die Mehrzahl unserer in Deutschland. Von Inge bekam ich gestern einen netten Brief zum Schiff, von Euch hoffe ich über Aufschnaiters Adresse etwas zu bekommen. Heinz fliegt heute Abend oder morgen in der Frühe nach Delhi, während wir drei dem Gepäck zum 36 Bahnstunden mindestens entfernten Raxaul an der Nepalesischen Grenze fahren werden. Es wird sicher heiss und anstrengend  aber ich freue mich und trete voll Zuversicht den bestimmt auftauchenden Schwierigkeiten entgegen.

Meine nächste Adresse an die Ihr jetzt schreibt: J.W. Deutsche Nepal-Expedition SNOW VIEW HOTEL, Kathandu, Nepal. Wir bekamen gestern auch einen Brief von P.Bauer. Er bietet uns allen das Du an im ersten Satz, wir wissen, dass er vor der Abfahrt bereits es tun wollte, aber es sich nicht ganz abgerungen hat. Für uns ist er und die DHS doch ein so zuverlässiger Rückhalt, dass mans gar nicht hoch genug einschätzen kann. Viele Grüsse, das nächste Mal aus Raxaul oder Kathmandu.

Grüsst den Riegel Fritz und seine Mutter herzlich von mir.

Euer

Jürgen