Liebe Familie, entschuldigt, wenn ich aus Zeitmangel Euch diesen Brief, einen Durchschlag eines Briefes an die Stiftung schicke. Heinz brachte mir einen Brief von Euch aus Delhi mit, vielen Dank. Schreibt auch mal hierher, die anderen haben alle schon viel Post.

Servus, Georg soll das Wort Annapurna lernen,

Euer Jürgen

 

 

Kathmandu, 23.4.55

Liebes Baeuerle, Schwaerzchen, Lieber Murf,

Im allgemeinen bin ich selten geneigt, nuechtern chronologisch geordnete Briefe zu schreiben, aber heute zwinge ich mich dazu, denn es sind so viele Eindruecke, die sich alle in den Vordergrund draengen wollen, dass, wenn man sich nicht strengste Disziplin auferlegt, eine heillose chronologische und sachliche Verwirrung eintreten muss.

15.4.55 Heinz fliegt abends nach Delhi, hinterlaesst mir dreitausend Rupee und die Verantwortung. Auf Wiedersehen in Raxaul – weg war er…

16.4.55 ein aufregender Tag in Bombay – zum Hafeneinkaufen, zum Konsulat sich mit Anstand verabschieden (Heinz hatte keine Zeit mehr dafuer), Gepaeck wiegen (110 mounds- 440 Kilo – keine Angst wir haben inzwischen reduziert), dann um 22:55 rollte unser Pathanexpress aus dem Hauptbahnhof von Bombay, und ich sah noch lange das wehende Taschentuch von dem unvergleichlichen Mr. Raymond, unserem guten Engel von Bombay. Wir fuhren erster Klasse, ueber weite Entfernungen eigentlich selbst fuer nicht allzu anspruchsvolle Bergsteiger die einzige Moeglichkeit zu reisen. Den ganzen naechsten Tag fuehrn wir ueber die weiten Flaechen dieses Indiens, der Boden hat Trockenrisse, eine unbarmherzige Sonne brennt, ein Windhauch genuegt um den Staub viele Meter aufzuwirbeln, der Staub liegt dick auf den Sitzen im Abteil, auf unseren Koffern, und wir schwitzen, schwitzen, trotz (lauwarmer) Dusche, trotz herrlicher erfrischender Mangos, bis einer drauf kommt, das ein nasses um den Kopf geschlagenes Handtuch das Gehirn vom Sieden abhaelt. In den Abendstunden tragen Fritz und ich sogar die Reisemeisterschaften im Schach aus, harte und hartnaeckige Partien. Harald pflegt dann Mundharmonika zu spielen, wenn er uns allzu sehr peinigt, revanchieren sich Fritz und ich mit den Bloeckfloeten. Das wirkt gleichzeitig wie DDT. Am Abend des siebzehnten Zugwechsel in Jhansi mit viereinhalb Tonnen und der Zug nach Lucknow faehrt in einer Viertelstunde, …. Es klappte, der Zug bekam wegen uns eine Stunde Verspaetung, es gab mir dreimal einen argen Stick Herrn, wenn wieder einer der plombierten Zolldraehte gerissen war, denn wir mussten uns ja auf einem Bond ueber achttausend Rupees verpflichten, an der nepalesischen Grenze with all seals intact zu erscheinen. Am naechsten Morgen fuhren wir hinter Cawnpure ueber den Ganges, bald waren wir in Lucknow. Irgendwie hatte mir der Name Lucknow immer schon gefallen, und nun loeste sich hier alles so glaenzend, dass ich immer mehr an den guten Stern ueber unserem Unternehmen glauben muss. Wir bekamen auf der metre gauge railway, die uns mit zweimal Umsteigen nach Raxaul bringen sollte, einen ganzen Gepaeckwagen fuer. Somit kein Umladen mehr, ausserdem waren die Kulis in Lucknow gut dressiert, sie behandelten die versiegelten Kisten wie Wickelkinder.

Eine relativ angenehme Nacht in dem besten Compartment, das wir auf der ganzen Fahrt hatten, umsteigen in Muzzafarpur und sagauli – am Mittag des 19.4. waren wir an der nepalesichen Grenze in Raxaul. Kein Heinz….

Am Nachmittag fuhr ich ohne Pass mit einem Bankdirektor aus Kathmandu nach Birgani ( bereits in Nepal) niemand fragt nach dem Pass oder sonst was. Ich ventilierte die Moeglichkeiten des Fluges. Zurueck wieder mit dem netten kleinen vom einem Pferd gezogenen Waegelchen ueber ungemein holprige Wege. Am Abend ausladen des Wagons, Zollabnahme ohne jede Schwierigkeiten. Der Zollbeamte zaehlte bis zur fuenfundvierzigsten von unseren neunzig Kisten, dann rauchten wir zusammen eine Zigarette und er schrieb: I have examined ninety packages with customs seals intact etc, der Zoll  in Bombay ist erledgt durch die Anstaendigkeit dieses Mannes. Wir machten sehr nette Bekanntschaften in Raxaul, wir trafen die Leute, die Tichy uns empfohlen hatte, ohne sie eigens aufzusuchen kamen sie zu unserem Gepaeck. Heinz kam nicht mit dem Abendzug, so liessen wir den Gepaeckwagen der unser Gepaeck nach Amleghanj bringen sollte, nicht mit dem nur jeden Morgen verkehrenden Zug fahren, sondern quartierten uns im gastfreundlichen Haus von Mr. Hyde ein, er ist Beamter der Burma Shell. Hier legten wir nach einigen Kalkulationen endgueltig fest, dass unser Gepaeck mit einem ganz von uns gecharterten Flugzeug von Simra (eine Station vor Amleghanj) nach Kathmandu geflogen werden sollte. Mittags kam Heinz mit dem Zug von Delhi. Nachmittags waren wir nochmals in Birganj um alles betreffs des Fluges zu klaeren, ein reizender Abend mit dem sonst recht einsamen Mr. Hyde – am naechsten Morgen rotte die Bummelbahn unser Gepaeck und uns nach Simra. Die Freunde blieben dort waehrend ich gleich nach Kathmandu flog – 20 Minuten ueber die Terailandschaft, ueber die Huegel, ein kleiner Blick durch den Dunst liess mich den Ganesh Himal ahnen – ich war in Kathmandu. Es empfing mich Mr. Mendies, der Besitzer des Snow View Hotels, uns von Tichy warm empfohlen, ein reizender Mensch mit der Lebhaftigkeit elastischer Pykniker, er aranged everything, ich stand nur dabei und schaute auf die Stadt und in die Gesichter, die schon den mongolischen Einschlag zum Teil erkennen lassen, auf Menschen, die mir weit mehr lagen, als die uns immer recht fremd bleibenden Inder. Lunch im Snow View Hotel – Besuch beim Vizeaussenminister, sehr freundlich und von der befrischenden Ungezwungenheit, die leider aus den europaeischen Aemtern seit Jahrhunderten verbannt ist. Im Snow View Hotel sind alle die Piloten einquartiert, die nach Kathmandu fliegen, ich konnte somit abends beim Dinner eine Flugzeug fuer den naechsten Tag bestellen. Der Abend wurde noch froehlich und reichlich, nach allen Zoll- und Verpackungshindernissen warteten in der Ecke des Zimmers drei beruhigende Spatenbraeukisten. Am naechsten Morgen (gestern 22.4.55) legte ich 800 ( indische ) Rupees (achthundert etwa 700 DM) auf den Tisch am Flughafen und flog (natuerlich wieder auf dem Sitz des copilots) nach Simra. Die Freunde hatten am Tag zuvor und an diesem ganze Arbeit geleistet, zuletzt beim Schein des Petromaxes haben sie bis tief in die Nacht hinein Traegerlasten ausgewogen, Kisten aufgebrochen, uns von allem Ballast befreit. In einer halben Stunde war das flugzeug geladen, eine halbe Stunde spaeter waren wir wieder in Kathmandu wieder Snow View Hotel mit allem Gepaeck, Lunch, Aussenministerium (zur introduction und licence for gun and pistol), Telgramm an Mrs. Henderso um zwei Sherpas

(folgende Beweggruende: der Liaison officer ist in jedem Falle, wie uns Mr. Mendies mitteilte, gar kein Offizier, sondern ein Offiziu; er ist Beauftragter, beauftragt zu lernen (ich wiederhole lernen)er ist ein Bub von zwanzig oder einundzwanzig Jahren, es ist nicht daran zu denken, dass er auch nur irgendwie einem beim Zusammenhalten und bei der Herstellung der Disziplin in der Traegerkarawane helfen kann. Dazu muss man Sherpas haben… aber 2 genuegen).

Anschliessend gingen wir ins Kino „ein Herz und eine Krone“ („Roman Holiday“) – sehr nett – ich wollte eh immer sehen, dass es gerade in Kathmandu sein sollte, war denn doch ein wenig ueberraschend.

Wieder ein reizender Abend zusammen mit den Piloten und Mr. Mendies bei Pingpong, Bier (wenig) und Gesang (laut).

23.4.55 Braekfast, wieder einmal endgueltiges Packen auf Traegerlasten der Verbindungsoffizier kam um sich vorzustellen, ein netter unselbststaendiger Knabe, 21 Jahre, ganz wie Mr. Mendies gesagt hatte. Wir kleideten ihn ein, er kam einen Vorschuss, seine Unselbststaendigkeit hat fuer uns den Vorteil der Loyalitaet um jeden Preis gegen die Expedition, er wird der ideale Standlageraufpasser, und das ist ja auch viel wert.

Heute sprachen nun viele Faktoren dafuer, doch von Kathmandu abzumarschieren; erstens leichtere Beschaffung von den benoetigten etwa hundertzwanzig Traegern, geringere Forderungen der selben, Einsparung der Luftfracht nach Pokhara, und last not least die Tatsache, dass wir mit dem Offizier zusammen kamen, der im vorigen Jahr den Weg durch die Marsyandi Khola repariert hat, sodass Tichy Schauergeschichten von dem moerderischen Weg teilweise gegenstandslos geworden sind. Diese endgueltige Entscheidung in diesem Punkt ist noch nicht gefallen, ich glaube aber es wird ein Abmarsch von Kathmandu.

Wir sahen am Nachmittag zwei Leute aus Manangboth, sie kamen extra den weiten Weg her, um sich ueber die Uebergriffe ihrer Nachbarn im selben Ort zu beschweren im sonst doch recht friedlichen Land Nepal haelt sich deshalb immer das konstante Geruecht von Aufstand und Revolution und Unruhen in Mangboth. Nachmittags eine Einladung bei einem Vetter des Koenigs, er ist aus dem Geschlecht der beruehmten Rana, die bis 1949 erblich den Ministerpraesidenten stellten und den Maharadscha zum Strohmann machten. Nach dem Umsturz 1949 verloren sie viel von ihrem Reichtum und ihrer Macht, aber es bleibt immer noch genug. Wir inspizierten den schoenen Garten, wir rauchten tranken Tee, unterhielten uns ueber den neuen Koenig, ueber Bridge, ueber das Leichenbegaengnis des letzten Koenigs, ueber Schach und die Ausgeschaemtheit eines Hoteliers. Anschliessend waren wir in der Schule des beruehmten „Father Moran“, des Jesuitenpaters aus Chikago. Der Besuch war unter all den schoenen Eindruecken unserer bisherigen Fahrt, ein ganz besonders hervorzuhebender. Da waren die kleinen Buben der nepalesischen Oberschicht, lernten Englisch, assen zu Abend, schauten mit grossen aufmerksamen Augen auf uns, und lachten einen freundliche an, wenn man ihnen zuzwinkerte. Da kam der eine aus Tibet, der andere aus Tukucha, der andere Indien, sie waren Soehne von Gaeralen und Bersten, von Ministern und Grundbesitzern. Bei Father Mroan sahen wir die ersten guten Bilder von der Annapurnakette von Norden und von Sueden – leicht ist da ueberhaupt nichts, aber alles begeisternd schoen.

Wir werden Mr. Mendies als Kopfstation fuer alle Post benutzen, somit bleibt es wohl bei der Adresse. Bitte entschuldigt, wenn die Nachrichten nicht allzu regelmaessig eintreffen, Devise ist: first the expedition itself.

Fehler verbessere ich nicht, das koennen andere besser. Glaubt nicht, dass auf der Maschine kein Ä, Ö und Ü mehr ist, ich schreibe auf der Machine der scotch Women-Expedition, die auch hier im Snow View Hotel war, wie alle von Tichy (in diesem Zimmer wir schlafen) bis Lambert, von den Japanern bis zu Tenzing. Wies weitergeht? Vedermo, aber wir blicken von Hoffnung auf die Zukunft.

Mit herzlichen Gruessen

Euer Juergen